Donnerstag, 22. Oktober 2009

The german-breeding machine

Das Atomhühnchen hat eine neue Dimension eingenommen, die Götter haben ihr einen kleinen männlichen halbdeutschen-halbungarischen Küken anvertraut. Das Atomhühnchen brütet also fleißig vor sich hin (ich hoffe jedoch, es wird nichts Explosives) und währenddessen gelangt es in Besitz neuer Erfahrungen im Bezug auf ihren fortlaufenden Germanzipationsprozess. Es ist nicht ohne Grund, dass ich über mich instinktiv in dritter Person schreibe, irgendwo habe ich gelesen, dass das Selbstbild einer Schwangeren sich nicht mit der Geschwindigkeit an die körperlichen Veränderungen anpassen kann mit welcher diese vor sich gehen (dieses walförmige da im Spiegel, dessen Taille in die Achselhöhe gerutscht ist, um nicht von anderen proportionalen Änderungen zu sprechen, bin das ich?). Da es bei mir nicht so einfach und selbstverständlich geklappt hat mit dem Baby, konnte ich es lange kaum glauben (besonders bis die slow-motion Explosion meines Bauches begonnen hat). Es ist ein großes Glück das meine Freundin T. in Ungarn fast gleichzeitig mit mir in diese Umstände gekommen ist, so kann ich das System meines Heimatlandes und das Deutsche unmittelbar vergleichen. Zunächst haben wir festgestellt, dass es garnicht die gleichen Untersuchungen und noch dazu in ganz anderen Abschnitten gibt in den zwei Ländern, wobei man eigentlich meinen würde, dass alleine die biologische Verschiedenheit der zwei Völker dies nicht begründen würde. In Ungarn ist das ganze Gesundheitssystem anders. Es gibt EINE Krankenkasse in staatlicher Hand (die leider ziemlich genauso schlecht wirtschaftet wir die mehrere hundert deutschen). Es gibt das System der privaten Krankenkassen fast nicht, aber man kann privat zum Facharzt gehen und dort für die Untersuchungen voll zahlen. Das machen dann auch viele, auch T. Wenn man alleine die Leistungen der staatlichen Krankenkasse in Anspruch nimmt, wird es nämlich oft garnicht billiger. Der Grund: es gibt eine riesige Grauzone (eher sehr dunkelgrau), das System der Parasolvenz. Es geht schlichtweg darum, dass man für diverse Leistungen, die man eigentlich auch ohne extra zu zahlen (also auf Grund der normalen monatlichen Krankenkassenbeiträge welche dort ebenfalls ein festgelegter Prozentsatz des Bruttolohnes darstellen) in Anspruch nehmen kann, dem behandelnden Arzt (sowie den Krankenpflegern und anderem Personal) privat eine Extrasumme in bar zuschiebt, bevorzugt in einem unbeschrifteten Briefumschlag. Diese Summe wird vom Arzt (nicht jeder Arzt nimmt diese Gaben an, es gibt einige wenige die auf Grund ihrer schrecklich altmodischen moralischen Einstellung solche Schwarzgelder nicht akzeptieren) eingesteckt und nicht versteuert. Niemals, nirgendwo. Es gibt ja auch keine Preisliste an der Wand. Jeder zahlt wieviel er für angemessen hält und/oder kann. Schlimmste Variante dieser milliardenschweren Anomalie (die geschätzte Gesamtsumme pro Jahr beläuft sich auf das dreifache des Gesundheitsbudgets!) ist, wenn der Arzt diese "Sonderzahlungen" sogar erwartet (sowas spricht sich ja rum), und zwar im voraus (stellen wir uns eine schwer kranke, gebrechliche Person vor, wieviel würde er vor seiner lebensentscheidenden OP zahlen - mit der unausgesprochenen Hoffnung auf eine bessere medizinische Leistung und ärztliche Zuwendung?). Extra traurig ist ja auch dass oft ärmere Menschen sich das garnicht leisten können und dann - je nach Arzt und Krankenhaus - begründet oder unbegründet Angst haben, ob sie überhaupt medizinisch korrekt behandelt werden...Ich weiss nicht wie und wo das begonnen hat und wann das in Ungarn aufhören wird aber normal ist was anderes.
Na ja, in Deutschland ist das ja zum Glück nicht so, das System arbeitet insgesamt schon etwas wirtschaftlicher und korrekter auch wenn es viele gut bekannten Missstände gibt. Ich bin gesetzlich versichert. Wenn man aus dem Ausland kommt (übrigens auch wenn ein Deutscher zuvor einige Jahre im Ausland gearbeitet hat und danach zurückkehrt) muss man zur Zeit unabhngig vom Einkommen für mindestens drei Jahre in eine gesetzliche Kasse. Die kann man wenigstens frei auswählen, wobei es natürlich bei den Grundleistungen wenige Unterschiede gibt. Zum Zahnarzt gehen wir dann während unserer Ungarn-Aufenthalte, wir haben da eine sehr gute und es kostet ein Bruchteil. In Ungarn gibt es auf Grund des Wohnortes auch immer zuständige Fachärzte die jeden nehmen müssen, in Deutschland ist ja komplett freie Ärztewahl und auch Patientenwahl: im Prinzip kann ein Arzt sagen, er hat keine Lust mich als Patientin aufzunehmen, weil er schon überlaufen ist/ihm meine Krankenkasse nicht gefällt/ich arbeitslos bin. Noch bin ich nicht arbeitslos, also hatte ich direkt nach unserem Umzug nach Stuttgart auch das Glück, eine sympathische Frauenärztin ganz in meiner Nähe zu finden. Das etwas mehr marktwirtschaftlich ausgelegte System hat natürlich auch Nachteile, bei meiner Ärztin steht ja von Toilette bis Wartezimmer überall auf gut lesbaren Schildern dass sie nach jeder Patientin lediglich 14,50 Euro pro Quartal von der Krankenkasse bekommt, als Vergleich steht daneben eine Preistabelle von Katzenfutter Schlosserarbeiten (ein Schlüsselnotdienst regt nicht mal den kleinen Finger für diese Summe). Nur damit man weiss woran man ist und nicht mit jeder unbedeutenden kleinen Geschlechtskrankheit jedem Wehwehchen zum Arzt rennt. Für eine Schwangerschaft gelten natürlich besondere Bedingungen, in der Regel geht man alle vier Wochen zum Arzt (wenn alles normal verläuft). Komischerweise, als ich meine Untersuchungen und deren Häufigkeit mit T. verglichen habe, hat es sich herausgestellt dass sie mehr hat als ich, es gibt zum Beispiel diese AFP-Untersuchung (aus einer Blutprobe schließt man auf die Wahrscheinlichkeit diverser Chromosomenanomalien) welches wegen den umstrittenen Wert der Ergebnisse in Deutschland im Normalfall keine Kassenleistung darstellt, in Ungarn wird es aber bei jeder Schwangeren gemacht. Der Arzt von T. hat auch eine viel besseres Ultraschallgerät als meine Ärztin, sie hat schon diverse 3D-Bilder ihres Babys sehen können. Meine deutsche Ärztin kann nur ein herkömmliches 2D-Schwarzweissbild herstellen. Natürlich kann man auch hier die 3D-4D Aufnahmen machen lassen, kostet halt extra. Ich musste aber regelrecht so eine Praxis hier in Stuttgart auftreiben wo man das machen lassen kann, es ist wohl nicht so üblich dass alle gleich losrennen um es zu haben (wir wollen es ja auch nur einmal und ich gebe zu, ja, ich bin sehr neugierig).
Desweiteren haben wir festgestellt dass in beiden Ländern die Schwangerschafts- und Babybranche boomt (größte Zielgruppe sind Eltern mit erstem Kind), in Deutschland sogar vielleicht etwas mehr. Die obere Preisgrenze dieser Produkte liegt irgendwo im Mond, es gibt solches Zeug für wahnsinnig viel Geld wie zum Beispiel ein Kinderwagen-Schaukel-Gerät. Das ist eine zylinderförmige kleine Maschine welches man am Kinderwagen anbringen muss und es setzt den Wagen in eine sanfte (natürlich gibt es noch regulierbare Stufen) Bewegung, ich stelle es mir besonders bei arm- und beinlosen Eltern (tschuldigung) äußerst nützlich vor.
Mir ging es ja auch so wie anderen, solange ich selbst nicht betroffen war, hat mich diese Subkultur nur am Rande berührt, so hole ich jetzt eifrig meine Kenntnisse in diversen Untervarianten der menschlichen Blödheit nach.
Übrigens, hier in Deutschland würde ich zwei extreme Gruppen der Mütter hervorheben (zwischen diesen beiden gibt es noch die halbwegs normalen aber die sind nicht so interessant).
Erstens gibt es die Öko-Bio-Stillterror-Mütter. Sie sind Anhänger der bedingungslosen Natürlichkeit, ihre Lebensweise hat schon fast die der Höhlenmenschen erreicht. Windellosigkeit (weil eine richtige Mutter ja sogar an einem zwei Wochen alten Säugling erkennen kann dass es binnen einer Minute zur Aktion kommt und sie hat auch nichts anderes zu tun als aufzupassen, wann denn das Baby jetzt muss um es rechtzeitig über das Klo zu halten), weil ja eine Windel die Haut nie richtig atmen lässt. Sie stillt bis in die Pubertät, weil Muttermilch das beste für das Kind ist, und wenn jemand nicht stillen kann oder die Milch verebbt, kann das nur am Egoismus dieser Person liegen). Sie gebärt entweder zu Hause oder im Geburtshaus des halbillegalen Hebammenverbundes Shakti-Karma, um Krankenhäuser herum macht sie einen großen Bogen. Sie trägt ihr Kind die ganze Zeit in einem bei Vollmond aus Bio-Leinen gewebtem Tragetuch herum, und verachtet die mit Babybjörn. Sie bleibt hundert Jahre zuhause mit dem Kind, währrendessen arbeitet sich der Vater zu Tode bei seiner Firma welches Babybjörn/schadstoffausdünstende Kinderwagen/Windeln/genmanipulierte Fertiggerichte herstellt.
Die andere Seite der Münze ist die Karrieremutter. Sie trägt während ihrer ganzen Schwangerschaft weiterhin perfekt geschneiderte Hosenanzüge und nimmt insgesamt 2 Kilo zu. Eigentlich stellen Entbindung und das Baby selbst nur eine paar Wochen dauernden Fehler in der Matrix dar. Ihr kommt es etwas seltsam vor, weil sie noch nie zuvor so lange am Stück Urlaub hatte, aber nach acht Wochen fehlt ihr schon der Schreibtisch. Danach geht sie ja auch wieder vollzeit arbeiten, ihr Mann der in Elternzeit ist, fährt täglich mehrmals mit dem Baby zu ihr ins Büro damit sie zwischen ihren Terminen in einem leeren Meetingraum (sie bucht den vorher) stillen kann (aber meistens stillt sie erst garnicht, wenn sie Milch hat verebbt die dann). Es ist nicht so, dass sie das Geld so sehr brauchen würde, obwohl das ist ihr Argument ist. Es ist auch nicht so, dass sie Benachteiligungen erleiden müssten, wenn sie ein ganzes Jahr oder sogar zwei zu Hause bleiben würden, es geht hier nicht um äußere Erwartungen oder Zwänge. Es ist ein uralter, innerer Instinkt und/oder ein unbehandelt gebliebenes sinnloses irgendwelchen-Ansprüchen-genügen-wollen eines nie gelobten Einzelkindes welches in diesem Fall einen anderen Uristinkt komplett auslöscht. Rein finanziell ist diese Verhaltensweise aber ziemlich irrational, weil sie dann die Riesensummen die sie verdienen, bis zum 18. Lebensjahr des Kindes komplett an Nannys und renommierte Internate überweisen und danach an die zugunsten des Sprösslings gegründete Stiftung welche für die Bekämpfung delikater psychischer Störungen arbeitet.
Es ist ein interessanter Widerspruch, das die letztere Gruppe von den Medien vergöttert wird, das Gros der Gesellschaft sie aber als Rabenmütter beschimpft.

1 Kommentar:

  1. Wie wahr, wie wahr!

    Bin Deutsche und wohne in Ungarn seit 18 Jahren.

    Bin zufällig auf deinen Blog "gestoßen". Obwohl ich momentan eigentlich gar keine Zeit habe, hab ich mich zwecks positiver Rückmeldung angemeldet.

    Die Beschreibung der Situation in Ungarn, als auch der in Deutschland kann ich nur bestätigen.

    Dein frischer Schreibstil gefällt mir besonders.

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